Die Feder
- claudiakrupensky

- vor 4 Tagen
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Es war einmal ein kleines Vögelchen, das lag matt am Wegesrand, als es in der Ferne einen jungen Mann herannahen sah.
»Junger Mann, mich dürstet!«, rief das Vögelchen.
Doch dieser war in Eile und sprach: »Der König hat zum Krieg gerufen, ich habe keine Zeit für dich!«
Foto von Andrey Metelev auf Unsplash
Wenig später kam eine alte Frau und wieder rief das Vögelchen: »Frau, mich dürstet, bitte hilf!«
Doch auch diese schüttelte den Kopf und sprach: »Der König hat mich um Rat gebeten, ich habe keine Zeit für dich!«
Da kam ein Junge den Weg entlang, der trug einen Korb voll Brot und wieder rief es: »Junge, bitte hilf, mich dürstet!«
Doch auch dieser eilte weiter. »Die Krieger des Königs brauchen Nahrung, ich habe keine Zeit für dich!«
So verbarg das kleine Vögelchen sein Köpfchen unter den Flügeln und weinte bitterlich. Das sah eine Bauernmagd und beugte sich zu ihm hernieder. »Vögelchen, warum weinst du?«
»Mich dürstet«, sprach es matt. Da stellte das Mädchen den Korb voll Reisig ab, ging zum nächsten Bach und schöpfte mit seinem Becher Wasser. Dann gab es dem Vögelchen davon zu trinken, das gestärkt mit seinen Flügeln schlug, so stark, dass sich eine helle Feder löste. »Nimm als Dank die Feder. Tunke sie ins Wasser, von dem du mir gabst, und schreibe. Das, was du schreibst, das soll geschehen!«
Und schon erhob sich das Vögelchen hoch in die Lüfte und war verschwunden. Die Bauernmagd sah ihm nach, dann steckte sie die Feder hinters Ohr, nahm den Korb und lief rasch zurück zum Hofe ihrer Mutter. Sie öffnete die Flasche, tunkte die Feder ein und schrieb auf ein weißes Blatt in großen Lettern ein Wort. Und – siehe da – sobald das Wort vollendet, zerfiel die helle Feder zwischen ihren Fingern und war nicht mehr zu sehen. Das Wort jedoch erhob sich vom weißen Blatt und schwebte leuchtend durch die offene Tür hinaus ins Freie.
»Warte!«, rief das Mädchen. »Warte auf mich!« Und so schnell es seine Beine trugen folgte das Mädchen dem Wort über die Wiesen, durch den Wald, bis hin zum Palast des Königs, und konnte gerade noch erkennen, wie dieses hellschimmernd in einem der vielen Fenster des Palastes verschwand.
»Was suchst du, junge Magd?«, fragte da ein Wächter.
»Ach nichts«, sprach jene leise, drehte sich um und wollte gehen. Doch da rief eine Stimme aus einem Fenster: »Bauernmagd, bleib stehen!«
Erstaunt hielt jene an und sah zurück. Da stand des Königssohn im Fenster und hielt in seiner Hand das Wort. »Friede wähltest du und Friede soll geschehen! Das Vögelchen, das matt am Wegrand lag, das war ich! Ein Bann lag auf mir, doch du befreitest mich!«
Das Bauernmädchen lächelte und wollte sich verneigen, doch der Königssohn stieg hinab und griff nach dessen Hand. »Ich sehe: Du bist jung und dein Herz ist rein, willst du ab heute meine Prinzessin sein?« Die Röte stieg dem Mädchen in die Wangen, erstaunt blickte es auf. Da traf ihr Blick den seinen und voller Freude nickte es: »An deiner Seite will ich dienen, dem Volk und diesem Land.«
»Auf dass Friede herrsche, mit dir an meiner Hand!«
So nahm der Sohn des Königs die Bauernmagd zur Frau, trug das Wort stets nahe am Herzen und Friede kam über das ganze Land.
by Claudia Krupensky



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